Was ist Versorgungsforschung
Was ist Versorgungsforschung

„Versorgungsforschung ist die wissenschaftliche Untersuchung der Versorgung von Einzelnen und der Bevölkerung mit gesundheitsrelevanten Produkten und Dienstleistungen unter Alltagsbedingungen“ (Arbeitskreis Versorgungsforschung beim wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer 2004: 2). Die Versorgungsforschung untersucht die letzte Stufe des Innovationstransfers in die Praxis der Patientenversorgung, von Pfaff (2003) auch als „letzte Meile“ bezeichnet. International gängig sind die Begriffe „Outcomes Research“ und „Health Services Research“ (Lohr & Steinwachs 2002).

Die Versorgungsforschung, die als Teilgebiet der Gesundheitssystemforschung betrachtet werden kann, fokussiert insbesondere die Mikroebene des Gesundheitssystems (Schwartz & Busse 2003). Konkret geht es um die Untersuchung der Kranken- und Gesundheitsversorgung in den Krankenhäusern, Arztpraxen und sonstigen Gesundheitseinrichtungen (Schmacke 2004). Die Krankenversorgung umfasst hierbei die Betreuung, Pflege, Diagnose, Behandlung und auch Nachsorge von Patienten durch medizinische und nicht-medizinische Anbieter von Gesundheitsleistungen sowohl in medizinischer als auch psychosozialer Hinsicht. Der Begriff Gesundheitsversorgung schließt neben allen Formen der Krankenversorgung auch alle Formen der Prävention und Gesundheitsförderung ein.

Dies gilt sowohl für individuumsbezogene als auch populationsbezogene Maßnahmen (Pfaff 2003). Aber auch Meso- und Makroebene des Gesundheitssystems (z.B. Krankenkassen, Ärzteverbände oder Selbsthilfeorganisationen) können durchaus Gegenstand von versorgungsforschungsrelevanten Fragestellungen sein, da auch diese das Leistungsgeschehen bzw. die Versorgungssituation im Gesundheitswesen mit beeinflussen. So definieren Lohr und Steinwachs (2002) den Untersuchungsgegenstand der Versorgungsforschung sehr umfassend und subsumieren hierunter Individuen, Familien, Organisationen, Institutionen, Kommunen und Bevölkerungen.

Die Versorgungsforschung lässt sich allgemein in zwei Teilbereiche differenzieren: 1.) die grundlagenorientierte Versorgungsforschung und 2.) die anwendungsorientierte Versorgungsforschung. Die grundlagenorientierte Versorgungsforschung hat primär das Ziel die verschiedenen Elemente des komplexen und ausdifferenzierten Versorgungssystems zu beschreiben und mögliche Zusammenhänge kausal zu erklären. Lohr und Steinwachs (2002) definieren die Versorgungsforschung in diesem Zusammenhang als eine multidisziplinäre Wissenschaft, deren Aufgabe darin besteht zu untersuchen wie soziale Faktoren, Finanzierungssysteme, Organisationsstrukturen und -prozesse, Gesundheitstechnologien und individuelle Verhaltensweisen den Zugang zum Gesundheitssystem sowie Qualität und Kosten der Gesundheitsversorgung und damit letztlich auch Gesundheit und Wohlbefinden beeinflussen. Die anwendungsorientierte Versorgungsforschung hingegen hat die Funktion auf der Basis des durch Grundlagenforschung generierten Wissens innovative Versorgungskonzepte und –strukturen zu entwickeln (Konzeptentwicklung), die Umsetzung dieser neuen Konzepte unter Alltagsbedingungen begleitend zu evaluieren (Begleitforschung) und letztlich deren Wirksamkeit zu erforschen (Outcomeforschung).

Aufgabe der Versorgungsforschung ist es somit, durch ein wissenschaftlich fundiertes Vorgehen Versorgungsdefizite zu identifizieren, an der Entwicklung bzw. Umsetzung neuer Versorgungskonzepte mitzuwirken und ihre Wirksamkeit zu evaluieren. Die Untersuchung des Versorgungsbedarfs (Input), der Versorgungsstrukturen bzw. -prozesse (throughput), der erbrachten Versorgungsleistungen (Output) und des Zugewinns an Gesundheits- bzw. Lebensqualität (Outcome) sowie die unmittelbar gesundheitspolitische Entscheidungsrelevanz der Forschungsergebnisse sind Kennzeichen der Versorgungsforschung.

Das systemtheoretische Modell des Versorgungssystems (Pfaff, 2003)

Das systemtheoretische Modell des Versorgungssystems (Pfaff, 2003)

Auf diese Weise sollen die wissenschaftlichen Grundlagen für eine kontinuierliche Verbesserung der Kranken- und Gesundheitsversorgung gelegt und mittel- bis langfristig die drei zentralen Ziele der Versorgung - Patientenorientierung, Qualität und Wirtschaftlichkeit - möglichst gleichermaßen erreicht werden.

Gegenstand der Versorgungsforschung ist hierbei sowohl die medizinische und psychosoziale Versorgung der Kranken als auch die professionelle Prävention und Gesundheitsförderung bei Gesunden.

Literatur:
  • Arbeitskreis Versorgungsforschung beim wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer (2004): Definition und Abgrenzung der Versorgungsforschung. http://www.definitionen.versorgungsforschung.net/ (Letzter Zugriff: 15.03.2005).
  • Lohr, K. N. & Steinwachs, D. M. (2002). Health Services Research: An Envolving Definition of the Field. Health Services Research, 37, 15-17.
  • Pfaff, H. (2003). Versorgungsforschung - Begriffsbestimmung, Gegenstand und Aufgaben. In H. Pfaff, M. Schrappe, K. W. Lauterbach, U. Engelmann, & M. Halber (Eds.), Gesundheitsversorgung und Disease Management. Grundlagen und Anwendungen der Versorgungsforschung (pp. 13-23). Bern: Verlag Hans Huber.
  • Schmacke, N. (2004). Versorgungsforschung - auf dem Weg zu einer Theorie der "letzten Meile". Gesundh.ökon.Qual.manag., 9. Jahrgang, Heft 3, 167-171.
  • F.W. Schwartz, R. Busse (2003): Denken in Zusammenhängen: Gesundheitssystemforschung. In: Schwartz, F.W., Badura, B., Busse, R. u.a. [Hrsg.]: Public Health Buch. Urban & Fischer Verlag, München, Jena, 518-545.